Zur Geschichte der IAG


Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft und der militärischen Kapitulation war die Psychotherapie im deutschsprachigen Raum in einem desolaten Zustand. Das einzige Behandlungsverfahren, das im ersten Drittel des Jahrhunderts durch die Entdeckungen Sigmund Freuds vorlag, war die Psychoanalyse. Diese war aber mit Beginn der Nazizeit in Mitteleuropa weitgehend zerstört worden. Lediglich einige Spielformen der Psychoanalyse hatten überlebt, die sich "völkisch" gaben. Es waren mutierte Versionen, die zum Zwecke der Anpassung an die braunen Despoten geschaffen worden waren.

Viele jüdische Psychoanalytiker waren ausgewandert. Einer von ihnen war S.H. Foulkes, der sich ebenso wie einige seiner britischen Kollegen während des Krieges in England daranmachte, kriegstraumatisierte Soldaten mit Hilfe eines von der Psychoanalyse abgeleiteten Gruppenverfahrens zu behandeln: die analytische Gruppenpsychotherapie war entstanden. Sie profitierte von sozialpsychologischen Forschungen anderer Emigranten, wie Norbert Elias und Kurt Lewin, die soziale Phänomene z.B. vom Umgang mit der Macht aus verstanden. Vor allem aber profitierte die neue Gruppenpsychotherapie von dem genialen Entwurf einer Gesellschaftspsychologie von Freud.

Dieser hatte gesellschaftliche Phänomene verstehbar gemacht, indem er sie letztlich aus dem menschlichen Machthunger und dem Sexualtrieb ableitete. Nach Freud versuchen die Mächtigen stets, sich ihre Pfründe auf Lebenszeit zu sichern. Dabei bemühen sie sich, die Jüngeren abhängig zu halten und auch deren Liebesleben möglichst weitgehend zu kontrollieren bzw. sogar ganz zu verhindern. Diese aber, von Neid und Eifersucht getrieben, begehren auf, können mörderische Revolten vom Zaun brechen. Anschließend von Reue erfasst geraten sie oft in eine unterwürfige Akzeptanz der Macht. Diese wird durch spezielle religiöse und staatliche Institutionen meist dauerhaft gesichert, die sich mit wirkungsvollen Sanktionen bemerkbar machen.

Außerdem wandte vor allem Foulkes das Prinzip der freien Assoziation auf das Gespräch in der Gruppe an, das Freud für die Einzelpsychotherapie entwickelt hatte. Die möglichst freimütigen Äußerungen in der Gruppe entsprachen also einer freiströmenden Gruppenassoziation, an der sich die Patienten beteiligen sollten. Man kann sich vorstellen, wie konträr solch ein Ansatz zur Tyrannei der Nazis war. Niemals wäre für sie eine relativierende Theorie von der menschlichen Macht noch das Prinzip der freien Meinungsäußerung hinnehmbar gewesen.

So war es für die deutschsprachigen Therapeuten und Analytiker der ersten Jahrzehnte nach dem Krieg unvermeidbar, zu den neu entstandenen "heiligen Stätten" der Gruppenpsychotherapie im angelsächsischen Sprachraum zu reisen, sofern sie das neue Verfahren erlernen wollten.

Auch die Einzelanalyse konnte in Mitteleuropa jetzt erst wieder Fuß fassen, indem einige Pioniere in England, Nord- und Südamerika und zwar dort oft bei ehemaligen Emigranten - oder z.T. auch in Frankreich das Verfahren lernten. Es entstand aber nun vor allem in Deutschland eine Psychoanalyse, die manchen autoritären Zug aufwies.

Es war nun ein wichtiges Ziel der deutschsprachigen Gruppenanalyse von ihren Anfängen an, diesen Tendenzen entgegenzustehen. Das gelang Altaussee dadurch, dass die Gruppenleiter zunächst in England ausgebildet wurden, dann aber den Kontakt zu englischen Gruppenleitern aufrechterhielten. Außerdem zog dieser Arbeitskreis eine Reihe von Gruppenleitern aus anderen Ländern wie Israel, Norwegen und Iran heran, die dem Ansatz von Foulkes verbunden sind. Auf diese Weise entstanden Workshops, die sich charakteristischerweise mit verschiedenen gesellschaftlichen Hintergründen von Macht und ihren Institutionen sowie mit den zugehörigen Affekten, wie Neid, Eifersucht, Aufbegehren und Unterwürfigkeit befassten. Das Ausweichen vor solch schwierigen Prozessen in selbstaggressives oder süchtiges Verhalten, die Flucht in körperliche Störungen oder in psychische Zustände der Realitätsverleugnung und wahnhafte Phantasien wird hier, erstaunlich genug, auch bei im Alltag völlig normalen, gesunden Kollegen sichtbar.

Nun ist das alles nicht nur Forschung. Längst ist aus der Erforschung solcher zwischenmenschlicher Erscheinungen mit ihren typischen Störungen auch ein wirksames Behandlungsverfahren eben solcher Störungen geworden. Längst hat sich aber auch bewährt, dass gerade durch die Beschäftigung mit diesen Prozessen am eigenen Leibe der beste Unterricht für die in Ausbildung befindlichen Gruppentherapeuten erteilt wird. Selbsterfahrung wird daher zum Erlernen von analytischer Gruppentherapie in Altaussee großgeschrieben. Selbsterfahrung bedeutet daher hier eine tiefe Einsicht in unsere sozialen Beziehungen und deren Mechanismen und zugleich ein ganz spezielles Verständnis dafür, wie aus solchen Beziehungen und ihren typischen Spannungen die bekannten psychischen bzw. psychosomatischen Erkrankungen entstehen. Und, weiter noch: erleben wir schon in diesen Workshops, wie Krankheitsphänomene im Rahmen von sozialen Beziehungen, d.h. im Rahmen der typischen Gruppenprozesse entstehen, so ergibt sich zugleich eine miterlebte Einsicht in die Heilungskräfte der Gruppentherapie. Es sind zunächst ja nur und ausschließlich die Gruppenleiter, die diese Prozesse aufdecken und durch stützende Interventionen Mut machen, weniger destruktive, d.h. auch: gesündere Umgangsstrategien in der Gruppe zu probieren. Aber es sind im Laufe der Zeit und bei allmählichem Abbau der Führungsrolle der Leiter und der unterwürfigen Haltung der Teilnehmer während eines Workshops die Gruppenmitglieder selbst, die zunehmend untereinander therapeutische Funktionen ausüben.

So ergibt sich eine Ausbildung, die quasi im Selbstversuch verläuft und damit dazu beiträgt, die Gräben zwischen Therapeut und Patient zu überbrücken.

Es werden nun bereits seit 1977 zweimal im Jahr Workshops veranstaltet, in denen die Teilnehmer meist Ärzte und Psychologen, aber auch Angehörige anderer Professionen die Gruppenanalyse, und auch die gruppenanalytische Psychotherapie kennenlernen. Hier kommen zu den 9tägigen Workshops zwischen ca. 150 Personen zusammen, um die oben beschriebene Haltung und Vorgehensweise in der Gruppe und für die Arbeit mit Gruppen einzuüben. Dies wird ergänzt durch Fallseminare und Theorieveranstaltungen zur Gruppenanalyse. Auf Wunsch kann ein Abschlusszertifikat erworben werden. Dieses Zertifikat wurde bisher an viele Personen vergeben.

Aus dem hier beschriebenen Personenkreis sind neue und wichtige wissenschaftliche Publikationen hervorgegangen.