Die Großgruppe
Josef Shaked, Wien

(Vortrag beim Kongress der Individualpsychologen in Wien am 17.3.1998)


Die tiefenpsychologischen Schulen waren sich immer der sozialen und kulturellen Zusammenhänge ihrer Theorien und Praxis bewusst. Freuds Diktum, dass die Individualpsychologie zugleich Massenpsychologie sei, Adlers zentraler Begriff des „Gemeinschaftsgefühls“ und Jungs Konzept des kollektiven Unbewussten dürfen als entsprechende Belege gelten. Umso verwunderlicher war der Widerstand der Tiefenpsychologen gegen die Idee der Gruppentherapie. Offenbar assoziierte man die therapeutische Situation so eng mit der dyadischen Zweierbeziehung, dass eine Therapie in einem Setting mit mehreren Personen nur schwer vorstellbar war. Von vereinzelten Versuchen in den zwanziger und dreißiger Jahren abgesehen, erhielt die analytische Gruppentherapie erst in den vierziger Jahren entscheidende Impulse, die nicht zuletzt durch die große Anzahl von Kriegsneurotikern in der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg begünstigt wurden. Was aus der Not entstanden war, erwies sich im Laufe der Zeit als eine Tugend, da sich herausstellte, dass die Gruppe selbst ein therapeutisches Medium bildet. Der anhaltende Widerstand vieler Analytiker trug dazu bei, dass die Gruppenanalyse sich fast überall außerhalb der psychoanalytischen Vereine entwickelte und zu einer selbständigen Methode wurde, die zunehmende Anerkennung fand.

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