Psychotische Phänomene in der Großgruppe

Josef Shaked, Wien


(Vortrag beim Symposion der Sektion Gruppenpsychoanalyse im ÖAGG am 26.-27.11.1993 in Wien) Die Großgruppe ist ihrer Struktur nach labil, erschwert eine direkte Kommunikation zwischen ihren Mitgliedern und begünstigt die Bildung von paranoiden Phantasien und primitiven Abwehrmechanismen. Solange die Alltagskonventionen ihre Gültigkeit haben, kann ein Individuum sich in einer großen Gruppe, etwa einer Versammlung, relativ sicher fühlen. So eine Versammlung, mit Tagesordnung und geregelter Prozedur, kann sich durchaus zivilisiert verhalten. Wenn eine Krisensituation entsteht, kann eine große Menschenmasse in Panik geraten, sich von feindlichen Mächten bedroht fühlen und sich irrational verhalten. So eine Situation beschreibt Karl Kraus am Beginn des Ersten Weltkriegs in "Die letzten Tage der Menschheit": harmlose Passanten, die auf der Straße in irgend einer Form auffallen, werden verdächtigt, Spione von feindlich Staaten zu sein und werden angepöbelt. So eine Masse kann sich gewalttätig und unberechenbar verhalten, wie am Fußballplatz, wenn die Enttäuschung über die Niederlage der eigenen Mannschaft zu groß ist. Gustave Le Bon vertritt in seinem berühmten Buch: "Die Psychologie der Massen" die These, dass die Masse eine primitive "Massenseele" besitze, die weitaus weniger vernünftig und anfälliger für irrationalen Ausbrüchen ist als ihre einzelnen Mitglieder.

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