Stationäre Gruppentherapie
Michael Hayne, Bonn


1 Vorbemerkung

Die psychotherapeutische Behandlung in der Klinik ist ein Bereich, in dem die Ausübung von Herrschaft besonders nahe liegt. Die Behandler sehen sich bewusst oder unbewusst in der allgemeinen Tradition des Krankenhauses, in dem die Unterwerfung der Patienten, die Ausschaltung ihrer Selbstbestimmung in meist unreflektierter Weise ausgeübt wird. Das kann seinen guten Grund haben, wenn Patienten notfallmäßig und im Zustand vitaler Bedrohung in eine Unfallstation oder als Suizidanten zur Notaufnahme in die Psychiatrie eingeliefert werden. Bei psychisch Kranken kann die Einweisung in eine geschlossene Station, ja sogar Absonderung und Fixierung unvermeidlich sein. Für diese Abläufe gibt es heute in unseren Berufen und in der Gesellschaft allgemein eine ziemlich hohe Sensibilität. Auch die Gesetzeslage, die zum Beispiel bei Unterbringung von Patienten gegen ihren Willen die schnelle Zuziehung eines Richters vorsieht, sichert nachhaltigen Schutz der Kranken vor Willkür und Unrecht hinsichtlich des vorübergehenden Entzugs wichtiger Selbstbestimmungsrechte.

Wirkliche Gefahren lauern in subtilerer Form: Hierzu gehören das "Parken" von neuaufgenommenen Patienten mit der Begründung, sie brauchten reichlich Zeit, "anzukommen", erst einmal zur Ruhe zu kommen, sich einzugewöhnen. Dahinter verbirgt sich oft, dass das behandelnde Team die Patienten nicht wichtig findet, gegebenes Leiden nicht ernst nimmt. Angesichts der Nähe, die alle psychischen Erkranken zum Durchschnittlichen, angeblich Normalen haben, stellt sich leicht bei den Behandlern eine Gegenübertragung ein, die den Patienten gegenüber vorwurfsvoll ist: sie stellen sich an, bilden sich ein, steigern sich hinein, agieren aus usw. Bei Süchten geht die Gegenübertragung besonders leicht in die Richtung eines Ekels oder einer Verachtung für die hier angetroffene Willensschwäche und die verlotterte Lebensführung.

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