Über Alice Ricciardi-von Platen

Alice Ricciardi entstammt dem schleswig-holsteinischen Adelsgeschlecht von Platen-Hallermund, dessen berühmtester Nachkomme der Schriftsteller August von Platen war. 1910 im holsteinischen Weißenhaus als jüngste von drei Schwestern geboren, erfuhr Alice eine behütete Kindheit, die durch den frühen Tod ihres geliebten Vaters allerdings ein jähes Ende fand. Erst im Internat „Schloss Salem“, einem unweit des Bodensees gelegenen ehemaligen Zisterzienserkloster, findet Alice über die reformpädagogischen Ideale von Kurt Hahn ein Klima der Mitmenschlichkeit und der demokratischen Verantwortung vor, das ihren weiteren Lebensweg mitbestimmt. Nach Abschluss des Medizinstudiums im Jahre 1934 und der anschließenden Tätigkeit als Famula in einem Berliner Kinderspital verbringt sie die Jahre 1939 – 40 in Florenz und Rom. Notgedrungen kehrt sie hernach zurück nach Deutschland und praktiziert bis 1945 als Landärztin in Bayern, um sich und ihrem inzwischen geborenen Sohn Georg ein Leben in einem halbwegs gesicherten finanziellen Rahmen zu ermöglichen. Nach Ende des Krieges übernimmt sie eine Stelle als Voluntarassistentin an der psychosomatischen Universitätsklinik in Heidelberg bei Viktor von Weizsäcker, 1949 übersiedelt sie für mehrere Jahre nach London, wo sie in einer psychotherapeutischen Eheberatungsstelle, die unter Supervision von Michael Balint steht, sowie an diversen psychiatrischen Krankenhäusern arbeitet. Während dieser Zeit lernt sie auch den Organisationsberater Augusto Ricciardi kennen, den sie 1956 heiratet und in der Folge bei dessen mehrjährigen Aufenthalten in Belgien und Libyen begleitet. Ab 1967 lebt und praktiziert sie als Psychoanalytikerin in Rom, in den letzten Lebensjahren in Cortona. Sie stirbt im Februar 2008 im Alter von 97 Jahren.

Internationales Ansehen erlangte Alice Ricciardi-von Platen indes durch ihre erst spät bekannt gewordene Tätigkeit als Mitglied der Beobachter­kommission beim Nürnberger Ärzteprozess. Als die amerikanische Militärregierung 1946 ankündigte, die inhumanen Menschenversuche und den Tod von etwa hunderttausend Geisteskranken gerichtlich zu verfolgen und die verantwortlichen Ärzte zur Rechenschaft zu ziehen, wurde von den westdeutschen Ärztekammern eine Beobachterkommission unter der Leitung von Alexander Mitscherlich nach Nürnberg entsandt. Der Widerstand gegen die Ergebnisse dieser Kommission, zu der neben Mitscherlich eben auch Alice von Platen-Hallermund und der Medizinstudent Fred Mielke zählten, war ebenso mächtig wie vorhersehbar, waren doch etwa die Hälfte der deutschen Ärzte Mitglieder der NSDAP. Dennoch fand sich der „Verlag der Frankfurter Hefte“ im Jahre 1948 bereit, Ricciardis Zusammenstellung und Kommentierung von Dokumenten aus dem Nürnberger Prozess unter dem Titel „Die Tötung Geisteskranker in Deutschland“ zu publizieren. Diesem Buch, das die Mittäterschaft deutscher Ärzte an den nationalsozialistischen Euthanasieverbrechen schonungslos aufdeckt, erging es freilich nicht anders als dem von Mitscherlich und Mielke herausgegebenen Dokumentationsband „Wissenschaft ohne Menschlichkeit“ Beide Bücher erfuhren keinerlei Echo, es war, als ob sie nie erschienen wären Offensichtlich hatten die westdeutschen Ärztekammern in der Tätigkeit der Beobachterkommission den eigenen Stand verleumdet gesehen und eine Verbreitung der Werke erfolgreich verhindert. Hätte nicht der Sozialpsychiater Klaus Dörner Ricciardis Werk wieder entdeckt und diesem 1993 zu einer Neuauflage verholfen, wäre das Buch wohl in der medizinhistorischen Versenkung verschwunden. So aber wurde dessen Autorin drei Jahre später zur Präsidentin jenes Aufsehen erregenden Kongresses „Medizin und Gewissen“ ernannt, in dem die grauenhaften Irrwege der Medizin fünfzig Jahre nach dem Nürnberger Ärzteprozess unter historischen, psychologischen und ethischen Aspekten aufgearbeitet wurden. Seitdem war Alice Ricciardi als mutige Aufklärerin und Mahnerin vor den Verbrechen gegen die Menschlichkeit eine hoch geehrte Zeitzeugin, die zu Vorträgen und Diskussionen in alle Welt eingeladen wurde.

Literatur von und über A. Ricciardi-von Platen

Platen-Hallermund, A., Die Tötung Geisteskranker in Deutschland, Frankfurt am Main 1948.

Die Entwicklung der gruppenanalytischen Ausbildung durch die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Gruppenanalyse in Altaussee, gegründet 1975, Sitz Bonn.

Seidl, M., Alice Ricciardi-von Platen 90 Jahre, in: Jahrbuch für Gruppenanalyse, Band 6, Heidelberg 2000.

Prof. Dr. Josef Shaked