Der Witz in der analytischen Gruppenarbeit
Josef Shaked, Wien

(Referat in Tiefenbrunn bei der Ausbildungsveranstaltung vom 28.8. - 2.9.1995)


Zunächst möchte ich mich für die liebenswürdige Einladung bedanken, über "Anekdoten als Intervention in der Gruppe" zu referieren. Ich bin der Einladung allzu leichtsinnig nachgekommen, hat doch Herr König unlängst einen Aufsatz zum Thema "Humor in der Gruppenpsychotherapie" veröffentlicht, wo er das Thema von verschiedenen Aspekten umreißt und obendrein die spärliche Literatur dazu zusammenfasst. Um der Gefahr der Wiederholung auszuweichen, habe ich mich entschlossen, mich mehr mit dem Witz in der analytischen Großgruppe zu befassen, außerdem den Humor in erster Linie nicht als ein Mittel der Kommunikation und eine Äußerungsform des Widerstands, sondern als ein Produkt des Unbewussten zu betrachten. Freud hat bekanntlich den Witz - neben dem Traum und den Fehlleistungen - als einen wichtigen Zugang zu den unbewussten Quellen unseres Seelenlebens hochgeschätzt. Allerdings ist der Witz - im Gegensatz zu den Träumen und Fehlleistungen - kein unmittelbares Produkt des Unbewussten. Er entsteht ja nicht wie ein Traum, im Zustand der Bewusstlosigkeit, und nicht ohne bewusste Absicht, wie die Fehlleistung, bedarf aber für seine Erzeugung - darin dem Tagtraum ähnlich - einer vorübergehenden Suspendierung der bewussten Seelentätigkeit. Außerdem spielt beim Witz - wiederum anders als beim Traum und den Fehlleistungen - die dritte Person, der Zuhörer, eine wichtige Rolle. Freud schreibt in "Der Witz und seine Beziehung zum Unbewussten": "Jeder Witz verlangt sein Publikum, und über die gleichen Witze zu lachen ist ein Beweis weitgehender psychischer Übereinstimmung" (142). Und den Unterschied zwischen dem Traum und dem Witz charakterisiert er folgendermaßen: "Der Traum ist ein vollkommen asoziales seelisches Produkt; er hat einem anderen nichts mitzuteilen... Der Witz dagegen ist die sozialste aller auf Lustgewinn zielenden seelischen Leistungen. Er benötigt oftmals dreier Personen und verlangt seine Vollendung durch die Teilnahme eines anderen an dem von ihm angeregten seelischen Vorgange... Der Traum dient vorwiegend der Unlustersparnis, der Witz dem Lusterwerb" (167-8). Wir sehen also, dass der Witz eine wichtige Funktion im sozialen Kontext zu erfüllen hat. Mit seiner Hilfe können seelische Hemmungen überwunden und peinliche Affekte auf lustvolle Art durch Mitteilung abgeführt werden. Ebenso gut ist es möglich, mit seiner Hilfe Unlust abzuwehren.

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